Dieser Artikel hat den Anspruch, nicht perfekt zu sein. Bei meinen vorherigen Artikeln hatte ich diesen Anspruch nicht – was der Hauptgrund ist, warum auf diesem Blog bisher erst 4 Artikel veröffentlicht sind und der Rest noch im Entwurfsordner versauert.
Eigentlich liebe ich das Bloggen!
Seit meinem ernsthaften Start im Jahr 2015 (ich hatte davor ein paar Eintagsfliegenblogs, aber die zählen nicht) habe ich bereits über 100 Blogartikel veröffentlicht, sowohl auf eigenen Blogs wie still & sensibel, als auch in Online-Magazinen und als Gastautorin.
Ich war eine Blog-Maschine. Ich habe einen Artikel nach dem anderen rausgehauen. Und ich habe es geliebt und mich dabei so lebendig, frei und grenzlos gefühlt.
Und dann hab ich mein Hobby zum Beruf gemacht …
Wenn der Spaß plötzlich zur Nebensache wird
Versteh mich nicht falsch, das hier wird kein Jammerpost auf hohem Niveau. Das hier wird eine bittere Erkenntnis, dass mein Vater recht hatte.
Mein Vater ist ein sehr begabter Maler, dessen Gemälde in jedem Museum gut aussehen würden. Doch jedes Mal, wenn jemand sagte: „Warum machst du deine Malerei nicht zum Beruf? Du bist doch so talentiert!“, antwortete er: „Weil es keinen Spaß mehr macht, sobald es zur Pflicht wird.“
Und da ist leider was dran …
Nix geht mehr!
Es war keine klassische Schreibblockade à la „Mir fällt nix ein“. Meine Themenliste und mein Entwurfsordner sind voll mit potenziellen und halbfertigen Blogartikeln. Dennoch ist der Artikel für Juli immer noch da drin (dabei fehlt im Grunde nicht mehr viel) und mein ambitionierter Vorsatz, hier 2–3 Mal im Monat was zu posten, hat sich genauso in Luft aufgelöst wie traditionelle Neujahrsvorsätze im Februar.
Es war eher eine Schreibblockade à la „Mir fällt was ein, aber das muss ich dann noch 3 Stunden auf Hochglanz polieren, damit’s originell genug klingt für jemanden, der das beruflich macht. Und dann noch für Suchmaschinen optimieren, denn das ist ja Marketing und kein Online-Tagebuch von 2002. Und dann natürlich noch auf LinkedIn und im Newsletter teilen. Und dann noch …“
Dieser Rattenschwanz an Und dann noch’s kostete mich Stunden an Zeit und Massen an Energie.
Zeit und Energie, die ich nicht hatte.
Das Leben ist kein Energy Drink
Denn ich benötigte diese Energie, um mein restliches Leben auf die Beine zu bringen und dort zu halten:
- Selbstständigkeit aufbauen und Produkte entwickeln
- Den Haushalt schmeißen und die Wohnung entrümpeln, weil ich sonst irgendwann in diesem ganzen Kram ersticke (die Themen Minimalismus und Frugalismus sind diesbezüglich gerade hochattraktiv für mich)
- Entscheidungen für die Zukunft treffen
- Gesundheitsprobleme abklären lassen, überstehen, heilen
- Private Probleme mit anderen Menschen lösen
Und irgendwann müsste man auch noch solche Luxusdinge tun wie essen, schlafen, duschen und aufs Klo gehen.
Ach ja, und dann war da noch der Blog! „Uff! Das dauert doch auch wieder 8–10 Stunden, bis der ganze Kladderadatsch für einen Artikel erledigt ist.“
Irgendwann fühlte sich allein schon der Gedanke ans Bloggen so anstrengend an, dass ich’s gar nicht erst auf die To-do-Liste geschrieben habe, weil ich wusste, dass ich es ohnehin am nächsten Tag auf die neue To-do-Liste übertragen müsste. Für mindestens drei Monate.
Und jedes Mal frustriert bin und denke: „Aber heute muss ich mich ECHT zusammenreißen und es endlich machen …“
Tja, nur „Zusammenreißen“ ist meist der Tod der Leidenschaft. Zumindest bei mir.
Ich war ein Opfer meiner eigenen Ansprüche – und der des Markts
Wenn du dich jetzt fragst: „Warum um Himmels willen hat sie ihre Artikel denn 3 Stunden lang überarbeitet?“ Dann kann ich dir nur entgegnen: „Gute Frage! Ich würde gerne den Publikumsjoker nutzen!“
Wir könnten jetzt natürlich tief in meiner Psyche graben, um den Wurzeln meines Perfektionismusproblems auf die Spur zu kommen, aber ich glaube, es genügt, wenn ich diese Wurzeln kenne 😉
Was aber auf jeden Fall einen großen Einfluss darauf hatte, warum mein Perfektionismus durch meine Selbstständigkeit seinen Schweregrad-Highscore knackte, waren die Ansprüche, die ich an mich selbst stellte.
Doch auch Ratschläge und Meinungen auf Social Media & Co. spielten eine Rolle (weshalb ich nur noch auf LinkedIn zu finden bin und dort auch nur gelegentlich. Instagram & Co. hab ich gelöscht. Eine meiner besten Entscheidungen ever!)
Meine Top 4 der Ansprüche
Beliebige Reihenfolge, deshalb ohne Nummerierung.
„SEO ist das A und O beim Bloggen für Marketing! Am besten nur relevante Themen mit hohem Suchvolumen abdecken!“ ☝️🧐
Zwar habe ich das Suchvolumen ohnehin größtenteils stiefmütterlich behandelt, aber generell war SEO ein großer Zeit-und-Energie-Fresser. Vor allem Fragen wie: „Wie relevant ist diese Idee wirklich für einen Business-Blog?“ oder „Soll ich Thema X zuerst posten, oder ist Thema Y wichtiger für meine Zielgruppe?“ haben mich ziemlich ausgebremst.
Prioritäten setzen war noch nie meine Stärke …
„Jeder Artikel muss ein Ziel verfolgen! CTA am Ende ist Pflicht! Und auf das richtige Timing kommt es auch an!“ ☝️🧐
Ja, an sich wahr und ein klasse Tipp. Aber wenn ich das, was ich eigentlich mit dem Artikel promoten wollte, nicht rechtzeitig fertigkriege und deswegen auch den Artikel dazu immer weiter nach hinten verschiebe, dann gibt’s auf dem Blog halt nur Tumbleweeds und Grillenzirpen (bin ja grundsätzlich ein Fan von Ruhe und Rückzug, aber nicht in diesem Kontext).
Und auch meine selbsterstellten Redaktionspläne mit Deadlines, haben mich eher behindert, als motiviert oder in den Flow gebracht. Denn was, wenn ich jetzt ne Idee habe, aber im Redaktionsplan erst nächsten Dienstag wieder ein Artikel vorgesehen ist?
Was für ein Dilemma! Ich brauche meine Organisation und Strukturen, ja. Aber gleichzeitig sollten diese mich auch nicht darin behindern, mal schnell spontan was zu machen. Uff 🤯
„Bediene keine Klischees! Kling anders und sei originell! Und vergiss Storytelling und Persönlichkeit nicht! Sei besser als ChatGPT!“ ☝️🧐
Klingt vielleicht komisch, weil Berufsschreibende auf Social Media & Co. ja oft damit werben, dass Leute eher sie engagieren sollen, anstatt KI zu nutzen. Denn Texte von professionellen Schreibenden seien einzigartig und lebendig, während KI nur seelenlose Zombietexte produziere, ohne Pulsschlag, ohne Ecken und Kanten, ohne Makel.
Ist wahr und diese These unterstütze ich auch. Und tief in mir drin WEISS ich auch, dass ich deutlich origineller und lebendiger schreiben kann als ChatGPT.
Trotzdem muss ich mich plötzlich mit einer Maschine messen, die sich rasend schnell verbessert, während ich als Mensch deutlich länger brauche, um mich weiterzuentwickeln. Und ständig weiterentwickeln müssen wir uns ja, denn sonst passen wir ja nicht mehr in diese hippe Zeit des Selbstoptimierungswahns.
Das war mir lange nicht bewusst und ich hätte es vermutlich gestern noch geleugnet. Aber heute wurde mir klar, dass es mich unterbewusst eben doch belastet hat.
Und Erwartungsdruck ist auf Dauer Gift für meine Kreativität und Produktivität.
„Und das Allerwichtigste, wenn du Content postest: Mehrwert, Mehrwert, Mehrwert!!!“ ☝️🧐
Tja. Mir ist zwar bewusst, dass Mehrwert nicht nur Tipps & Tricks bedeutet, sondern auch einfach was sein kann, das die Leute unterhält oder nachdenklich stimmt – aber trotzdem hat mich das beeinflusst.
Denn mein Hirn hat das Wort „Mehrwert“ zerpflückt und „mehr Wert“ daraus gemacht – was dazu führte, dass ich in meinen Artikeln immer noch ein bisschen MEHR Wert reinstecken wollte, als ursprünglich geplant.
Da war der Artikel an sich eigentlich schon fertig und ich hatte mich auch nur auf ein Kernthema fokussiert (was wichtig ist, um nicht vollkommen auszuufern), aber dann kam mir blöderweise jedes Mal noch ’ne „geniale Idee“, wie ich den Artikel „noch besser“ machen und „noch mehr reinstecken“ könnte.
Denn man will den Leuten ja was bieten und zeigen, was man kann, und nicht nur irgendeinen „hingerotzten 0815-Firlefanz“ posten, den es bereits millionenfach bei Google gibt (was Google eigentlich auch von einem erwartet, wenn man im Ranking steigen will – wo wir wieder beim Thema SEO wären).
Hmmpf.
Das ist der Hauptgrund, warum der Artikel vom Juli bislang nicht online ist 😅
Die „tolle Idee für noch MEHR“ hat mich in überschwängliche Euphorie versetzt – und dann ist mir die Energie ausgegangen. Und ich hab weder bei Aldi im Angebot noch bei den Amazon Prime Days günstig neue Energie gefunden, deshalb blieb sie erst mal weg.
Mist.
Was hab ich daraus gelernt?
Vor allem diese 3 Dinge:
1. Ich will kein People Pleaser sein. Und auch kein Market Pleaser.
Ich will einfach nur mein Ding durchziehen und fertig. Und die Menschen, die das anspricht, werden positiv darauf reagieren und bleiben. Und der Rest darf zur „perfekten“ Konkurrenz gehen – der Markt ist schließlich groß genug.
2. KI lernt schneller als der Mensch. Da kann ich nicht mithalten. Muss ich aber auch nicht.
Wer KI nutzen will, wird KI nutzen. Das ist die bittere Realität. Und ja, das wird die Arbeit von Berufsschreibenden beeinflussen und verändern.
Aber als vor 20 Jahren die E-Books aufkamen, gab es auch die düstere Prophezeiung, dass Papierbücher bald nur noch in Museen und Antiquariaten zu finden sein würden.
Ich weiß nicht, wie’s dir geht, aber ich hab’ immer noch massig Papierbücher im Regal und hab erst vor ein paar Wochen wieder welche gekauft.
Ja, KI klaut einen Teil des Texter-Markts und das ist doof. Aber ich glaube nicht die absolute Texter-Apokalypse.
3. Scheiß auf den Mehrwert. Rotze einfach was hin.
Das ist jetzt vielleicht sehr flapsig ausgedrückt, aber der Kern war mein Lösungsweg zu diesem Post.
Ich hab die Rohfassung dieses Artikels in unter 1,5 Stunden runtergeschrieben. Dann noch ca. 1 Stunde und 15 Minuten Fehler ausgemerzt, bisschen gekürzt und bearbeitet und ein Beitragsbild erstellt. Und das Ding war bereit zum Posten in unter 3 Stunden. Und nicht in 8 oder 10. Wow! Wunder gibt es immer wieder … Und es fühlt sich so leicht an!
Der Mehrwert dieses Posts ist, dir zu sagen, dass es nicht immer „mehr“ braucht. Manchmal ist es genug, einen Entwurf runterzuschreiben, kurz drüberzugehen und fertig. Das lesen die Leute auch. Zum Beispiel du gerade ✌️😜
Und ich glaub, das mach ich jetzt öfter …


Ich mag, was du schreibst & wie du es schreibst.
Und dass du einen ‚Kraftausdruck‘ wie ‚hin rotzen‘ immer charmant entschärft (… vielleicht ein wenig flapsig…) 🫶🏼 Mach weiter so. Echt ist beautiful 🌹
Awww, danke, liebe Bianca 💛 Das ist echt ein liebes Kompliment und geht runter wie griechisches Olivenöl (das besonders wertvolle 😉).
Komme grade über deinen LinkedIn-Beitrag … Danke für diesen wunderbaren Artikel – ich liebe deine Schreibweise. Und yes, Bloggen darf & soll ganz viel Spass machen.
Herzliche Grüsse
Tanja
Wow, vielen Dank, liebe Tanja! Das freut mich riesig 🙂
„Dieser Artikel hat den Ziel, nicht perfekt zu sein.“
Was für ein großer Anfangssatz für einen Blogartikel! Ich habe deinen Text verschlungen. Wie immer schreibst du sehr gut. Ich kann dich so, so gut verstehen. Dieser Perfektionismus und dann noch das ganze Leben drumherum. Ja, genau. Gesundheit, Wäsche waschen, Prioritäten setzen, Business-Aufbau, Ideen entwickeln, Entrümpeln, Minimalismus, Selfcare und dazu persönliche Konflikte. Ich kenne das alles viel zu gut. Und wie schön es ist, eine Frau zu lesen, die nicht schreibt: „und dann noch mein Mann und meine Kinder und mein Hund, und ich mache alles für alle“. Man kann trotzdem überfordert sein. Es kann trotzdem alles zu viel werden.
Genau, das Leben ist kein Energy-Drink. Und ein Market-Pleaser zu sein, ja, was soll’s. Ach, ich bin sehr inspiriert von diesem Artikel. Und hingerotzt fühlt es sich überhaupt nicht an. Punkt Nummer 3 habe ich jetzt gescreenshottet, um mich daran zu erinnern: „Scheiß auf den Mehrwert, rotz einfach was hin.“ Diesen Satz werde ich irgendwo aufhängen. Das ist überhaupt nicht flapsig.
Weiter so, Mim, egal ob einmal alle drei Monate oder dreimal im Jahr. Ich lese gerne deine Blogartikel. Danke für deine Inspiration! Bravo!🙏🥳👌
Ylva (die es momentan GAR NICHT schafft Texte zu veröffentlichen…)
Hallo Ylva,
wow, was für ein bestärkender Kommentar 💛 Tausend Dank dafür!!! 🤗 Das geht runter wie echtes griechisches Olivenöl 😊
Ich verstehe dich so gut! Und ja, auch ohne Mann, Hund, Kind und Kanarienvogel kann man im Chaos versinken. Ich weiß genau, wovon du sprichst 🙈
Hmm, wenn es mit dem Schreiben gar nicht mehr klappt, vielleicht hilft’s dir ja auch, „einfach was hinzurotzen“? 😁 Freut mich total, dass du sogar ’nen Screenshot von dem Satz gemacht hast 🥰 Vielleicht sollte ich ihn irgendwann auf T-Shirts drucken lassen und als Merch verkaufen?? 😂😂😂😜
Grüßle
Mim ✌️